23.02.2021

Loneliness and Solitude


Zwischen schmerzhaft erlebtem Alleinsein und selbst gewähltem Alleinsein als Bereicherung

Diesen Artikel begann ich bereits vor der Zeit, in der das Covid 19 Virus die Welt veränderte, zu schreiben. Nun hat das Thema eine neue Dimension bekommen. Es gibt inzwischen ein kollektiv erlebtes, schmerzhaftes Alleinsein, ausgelöst durch Verordnungen zur Kontaktreduzierung und zum Einhalten physischen Abstands. Auch in dieser Krise kann das Alleinsein unterschiedlich erlebt werden und als Ressource genutzt werden.

Die meisten Menschen kennen sowohl das schmerzhaft erlebte Alleinsein, als auch das selbstgewählte Alleinsein. Das Alleinsein als Kraftquelle erschließt sich mir persönlich immer mehr. Ich gebe dem Alleinsein einen Platz in meinem Leben, den ich nicht missen möchte. Raum für kreative Prozesse, für Meditation, die Natur, um bei mir anzukommen, mich zu erholen und zu regenerieren. Ich kenne jedoch auch die schmerzhaft erlebte Einsamkeit.

Die schmerzhaft erlebte Einsamkeit hat oftmals eine Verbindung zu realen Erfahrungen von allein gelassen worden sein in der Kindheit. Als Kind alleine gelassen zu werden, kann einen überwältigenden und damit traumatischen Charakter haben. Erfahrungen mit frühem traumatischem Stress, ausgelöst durch Trennungserfahrungen, wie Krankenhausaufenthalte, Verlust eines Elternteils, längeres allein gelassen werden im Säuglingsalter, sind mit überwältigenden Gefühlen von Hilflosigkeit, Ohnmacht bis hin zu Todesangst verbunden. Werden diese Erfahrungen nicht verarbeitet und integriert, können diese Gefühle und Körpererinnerungen im Erwachsenenalter beispielsweise in Trennungssituationen getriggert werden.
Im therapeutischen Kontext braucht es bei der schmerzhaft erlebten Einsamkeit, Unterstützung auf allen Ebenen, um wieder handlungsfähig zu werden. Ankommen im „Hier und Jetzt“, körperlich, emotional und kognitiv und die erwachsene Fähigkeit, sich Hilfe in solchen Momenten zu holen, sind Grundlagen zur Bewältigung.
Was braucht der innere Kindanteil, der in großer Not ist? Das hängt von vielen Faktoren ab. In welchem Alter ist das Kind alleine gelassen worden, in welchem Zeitraum und in welcher Intensität? Gab es ein Happy - End? Wurde das Kind beruhigt und getröstet, nachdem es alleine gelassen wurde. Diese Faktoren spielen eine Rolle dabei, wie stark diese „Trigger“ wirken. Fand das allein gelassen werden im Säuglingsalter, bzw. im frühen Kleinkindalter statt, kann sich dieser Teil noch nicht verbal ausdrücken und es gibt nur Körpererinnerungen und evtl. damit verbundene Gefühle. Der traumatische Stress zeigt sich in hoher Aktivierung bzw. in Abschalten bis hin zur Apathie.

Anhand eines Beispiels erläutere ich, wie sich das Alleingelassen werden als Säugling im späteren Leben auswirken kann. Eine Klientin berichtet, sie sei im Alter von drei Monaten von ihren Eltern wegen starker Koliken ins Krankenhaus gebracht worden. Wie es damals in den siebziger Jahren üblich war, durften die Eltern nicht bei ihrem Kind im Krankenhaus bleiben. Das Baby wurde zwar versorgt, aber vermutlich oft alleine gelassen, bzw. wenig einfach gehalten, beruhigt, usw.. Die Klientin berichtet, sie sei von ihren Eltern nach drei Wochen Krankenhausaufenthalt abgeholt worden. Ihre Eltern hätten ihr als Erwachsene erzählt, sie habe vor dem Krankenhausaufenthalt, den Kopf schon kurz heben können und nach dem Aufenthalt nicht mehr.
Welche existentielle Angst erlebt ein Säugling in solch einer frühen Trennungssituation? Welche Einsamkeit und Überlebensangst? Es könnte sein, dass das Kind lange geschrien hat und irgendwann innerlich aufgegeben hat und den Kopf, den es vorher freudig im Kontakt versucht hat zu halten, resigniert abgelegt hat.
Die Klientin berichtet, dass es bei Situationen, in denen sie lange auf jemand warten muss, oder ihr ein Termin abgesagt wird, zu Gefühlen von Hilflosigkeit, innerer Lähmung und dem Gefühl der Situation ausgeliefert zu sein, kommt. Wenn sie einen Tag frei hat und sich eigentlich freut auf den Raum, den sie zur Verfügung hat, fühle sie sich manchmal wie abgeschnitten, gelähmt, freudlos, depressiv. Sie sei dann nicht in der Lage zu ihren Freundinnen Kontakt aufzunehmen.
Das Alleinsein triggert die als existentiell erlebte Situation im Säuglingsalter an und das vegetative Nervensystem reagiert wie bei Gefahr mit den dazugehörigen Gefühlen.

Stephen Porges, Professor für Psychiatrie und Biomedizintechnik aus den USA, hat die polyvagale Theorie entwickelt. Im Jahre 1994 hat er die Polyvagal-Theorie erstmals vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Autonomen Nervensystems bei Wirbeltieren und der Entstehung sozialen Verhaltens beschreibt. Er beschreibt den ältesten Teil des polyvagalen Systems, den dorsalen Vagus. Den dorsalen Vagus brauchen wir, um unser Nervensystem runterzufahren und in großer Not. Wenn wir nicht kämpfen und nicht flüchten können bleibt als einzige Überlebensstrategie die Erstarrung, die Immobilität und Dissoziation.
Diese hilfreiche Überlebensstrategie kann bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen zum chronischen Muster werden. In diesem Zustand ist sozialer Austausch nicht möglich. Gefühle von Einsamkeit, gepaart mit Gefühlen von Scham, Ohnmacht und Hilflosigkeit erleben wir in diesem Zustand.
Das Alleinsein beinhaltet in diesem Fall ein Gefühl von Isolation und getrennt sein von anderen und der Welt. Es ist ein Zustand innerer Not, in dem wir nicht in der Lage sind sozialen Kontakt aufzunehmen, Hilfe zu holen und anzunehmen. Ein abgeschaltet sein, ein Shut down. Ich kann mich dann inmitten von Menschen einsam und isoliert fühlen.
Stephen Porges beschreibt den jüngeren Teil des polyvagalen Systems, den erst die Säugetiere entwickelt haben, den ventralen Vagus. Das ist der Teil unseres vegetativen Nervensystems, der sich im sozialen Kontakt sicher und wohl fühlt. Sind wir im Zustand von innerer Isolation und abgeschnitten sein von anderen, braucht es einen sicheren Raum und einen sicheren zugewandten Kontakt, um aus dem dorsalen Vagus in den ventralen Vagus zu kommen.
Auf der Ebene des vegetativen Nervensystems braucht es eine leichte Aktivierung, um aus dem inneren Shut down zu kommen. Peter Levine hat mit seiner Methode des somatic experiencing eine wunderbare Methode entwickelt, um auf der Ebene des vegetativen Nervensystems mit Menschen zu arbeiten.

Die Klientin, mit der ich nach dieser Methode gearbeitet habe, kann inzwischen erkennen, wenn es sie in den alten Traumasog zieht und kennt Möglichkeiten, die Richtung zu ändern. Sie kann sich über Bewegung und Körperwahrnehmung helfen oder Freundinnen kontaktieren. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist gewachsen.
Im Modus der erwachsenen Person, können sich Zustände verändern und es ist möglich, sich Hilfe zu holen. Die Klientin lernt inzwischen mehr und mehr die andere Seite des Alleinseins kennen, das selbstgewählte Alleinsein.

In der englische Sprache gibt es zwei Begriffe: Loneliness und solitude. Das als negativ empfundene Alleinsein wird als loneliness bezeichnet. Loneliness geht mehr in Richtung des deutschen, sich einsam fühlen. Das als positiv empfundene Alleinsein wird als solitude bezeichnet.
Loneliness beschreibt einen als schmerzhaft empfundenen Zustand, das Fehlen und schmerzhafte Vermissen von Kontakt, sich alleine gelassen fühlen. Loneliness kann ein schmerzhaftes Gefühl von nicht verbunden sein, beinhalten. Ich bin nicht verbunden mit mir selbst und fühle mich von der Außenwelt isoliert und nicht zugehörig.
Es gibt jedoch auch die bewusste Wahl von Einsamkeit. In der Bibel gibt es die Geschichte von Jesus, der 40 Tage in die Wüste geht, als gewählte spirituelle Erfahrung. Er begegnet seinen Dämonen und kommt geläutert zurück. Das Erleben von Einsamkeit als innerer Reifungsprozess.
Alleinsein kann eine wichtige Ressource sein. Das selbst gewählte Alleinsein ist ein kostbares Gut. Zeit und Raum bei mir anzukommen und mich zu spüren.

Im selbstgewählten allein sein, sind wir alleine, erleben uns aber nicht getrennt. Wir sind verbunden mit uns, mit der Natur und mit anderen Menschen. Im selbst gewählten Alleinsein bin ich verbunden mit meinen Mitmenschen und erlebe mich als Teil eines großen Ganzen.
Thomas Merton, ein amerikanischer, trappistischer Mönch sagt: „Solitude bedeutet nicht zu vermeiden mit anderen Menschen zusammen zu sein, es bedeutet mit mir selbst zu sein. Viele Menschen hassen das Alleinsein, aber der Meister nutzt das Alleinsein, er umarmt seine Einsamkeit und realisiert, dass er eins ist mit dem gesamten Universum“.

Im gewählten Alleinsein öffnet sich ein kreativer Raum, in dem sich Dinge entwickeln können. Vielleicht schreiben oder malen wir, hören Musik, gehen mit offenen Sinnen in der Natur spazieren oder meditieren. Es ist ein bei sich Ankommen, ein sich Sammeln im Gefühl der Verbundenheit.
Das gewählte Alleinsein ermöglicht uns, in einen tiefen Kontakt mit uns zu kommen, zu einem Ort, der Seins - Qualität hat und über das hinausgeht, was unsere Alltagsrollen und unsere Profession sind. Von diesem Ort in uns können wir aus der Fülle in Kontakt mit anderen Menschen gehen, denn wir sind soziale Wesen, die Kontakt brauchen.
Eine Sängerin erzählte mir, sie würde nun, da sie keine Auftritte habe und keine Chöre anleite, jeden Tag in den Wald gehen. Sie spüre eine tiefe Verbindung zur Natur und in ihr würden Gedichte entstehen in einer tiefen spirituellen Begegnung zur Natur. So wird das Alleinsein zur Quelle von Kreativität und Verbindung.
Eckard Tolle bezeichnet das Alleinsein als große Ressource, um in den Zustand von Gegenwärtigkeit zu gelangen und sich wohl zu fühlen mit sich selbst als Quelle der Vitalität.

Peter Levine bezeichnet Beziehung als das Pendeln zwischen Kontakt und Rückzug.
Bereits Kinder brauchen dieses Pendeln. Sie brauchen Räume alleine für sich im Spiel mit der Möglichkeit wieder in sozialen Kontakt zu gehen. Ich erinnere mich gerne an die Zeit, als meine Kinder, die inzwischen erwachsenen sind, von der Schule nach Hause kamen. Nach einem gemeinsamen Mittagessen, war jede/r gerne alleine für sich. Sie brauchten diesen Rückzug in ihrem Zimmer, auch um sich zu erholen von einem Vormittag in einer Schulklasse mit vielen Kontakten. Ich legte mich aufs Sofa mit einem Buch. Wir waren jeder für sich alleine und fühlten uns gleichzeitig miteinander verbunden. Ähnlich erlebe ich es in meiner Meditationsgruppe. Wir sind während der Meditation jede/jeder für sich alleine und gleichzeitig entsteht ein gemeinsames Feld der Verbindung.

Wir leben in einer Zeit, in der die Welt mit einer Pandemie umgeht. Sozial-Distancing ist von uns gefordert. Es geht jedoch nicht um soziale Distanz, sondern um physische Distanz. Wir brauchen als Menschen beides, sowohl soziale Verbindungen, als auch Körperkontakt und körperliche Nähe. Es ist wichtig, dass wir die körperliche Nähe im Moment mit wenigen uns nahen und familiären Kontakten leben.
Eine soziale Distanz zu anderen Menschen aufzubauen braucht es nicht und schadet uns und der Welt, in der wir leben. Es ist wichtig, dass wir in Verbindung bleiben, über Telefon, Video und soziale Medien. Vergessen sie nicht, dass jede und jeder ein Teil dieser Welt ist und dazu gehört.
Wir sind nicht alleine, sondern verbunden in einem großen Feld. Das Paradox ist, dass wir das gewählte Alleinsein ab und zu brauchen, um dies zu spüren. Mit den Worten des Mönchs Thomas Merton ausgedrückt: „ Umarme deine Einsamkeit und realisiere, dass du eins bist mit dem gesamten Universum.“

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